Dienstag, 19. Dezember 2006
Symposion am 25.11.2006 in Kerpen-Horrem “Sprache und Sprechen – verstehen und vermitteln”
Artikel vom 28.11.2006 im Kölner Stadtanzeiger von Joachim Röhrig
Immer mehr Sprachstörungen
Jedes dritte Kind im Rhein-Erft-Kreis betroffen – Tagung in Kerpen
150 Kinderärzte, Erzieherinnen, Psychologen und Lehrkräfte diskutierten über sieben Fachvorträge.
Rhein-Erft-Kreis – Seit nunmehr 15 Jahren kümmert sich das zunächst in Brühl und seit 2003 in Kerpen-Neubottenbroich beheimatete Sozialpädiatrische Zentrum des Rhein-Erft-Kreises (SPZ) um entwicklungsgestörte Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Die Arbeit ist im Lauf der Zeit nicht weniger geworden – im Gegenteil: Kam das Heinrich-Meng-Institut anfangs mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus, so gibt es in der Einrichtung, die als gemeinnützige GmbH in Trägerschaft des Kreises geführt wird, heute vier Therapeutenteams mit insgesamt 25 Fachkräften.
Einer ihrer Schwerpunkte ist die Hilfe bei Sprachstörungen. Um eben diesen Bereich ging es am Samstag beim Jubiläumssymposium unter dem Titel “Sprache und Sprechen, Verstehen und Vermitteln”. Dr. Harald Lüdicke, der ärztliche Leiter des SPZ, begrüßte im Soziokulturellen Zentrum in Horrem neben einigen Gästen aus dem politischen Raum rund 150 Kinderärzte, Erzieherinnen, Psychologen und Lehrkräfte, die über sieben Fachvorträge diskutierten.
Verzögerter Sprachbeginn, Schwierigkeiten bei der Lautbildung und der Aussprache, ein fürs Alter zu geringer Wortschatz, Probleme beim Verstehen von Sätzen – das sind die Hauptsymptome, die vielen Kindern den Start ins Leben und vor allem das Lernen in der Grundschule schwer machen. Was Dr. Ernst Bohm, der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, beim Symposium dazu zu sagen hatte, war einigermaßen alarmierend: Bei den Schuleingangsuntersuchungen – dem bundesweit einzigen Check, dem sämtliche Kinder eines Jahrgangs unterzogen werden – stellen die Mediziner auch in unserer Region alljährlich bei mehr als 30 Prozent der Jungen und Mädchen Sprachstörungen fest. Allein im Rhein-Erft-Kreis sind davon rund 1500 Kinder pro Jahrgang betroffen. Bei nicht wenigen sind die Probleme so stark ausgeprägt, dass eine sprachtherapeutische Behandlung beispielsweise im SPZ erforderlich wird.
Dass Kinder aus Migrantenfamilien besonders große Sprachprobleme hätten, ist laut Bohm ein von der Statistik nicht untermauertes Vorurteil: “Ob Deutsch oder aber Türkisch, Russisch oder Arabisch die Erstsprachen sind, spielt keine entscheidende Rolle. In beiden Gruppen haben etwa ein Drittel der Kinder Sprachstörungen.” Entscheidend sei also nicht die ethnische Herkunft, sondern vielmehr der soziale, familiäre und nicht zuletzt finanzielle Hintergrund. So hätten Kinder aus an der Armutsgrenze lebenden Familien – und im Rhein-Erft-Kreis sind das immerhin fast 20 Prozent – überdurchschnittlich oft mit Sprachstörungen zu kämpfen.
Die Heilungschancen sind nach übereinstimmender Einschätzung der Fachleute umso besser, je früher die Defizite erkannt werden. Eben hier gibt es allerdings Mängel. Dass die Sprachfähigkeit von Kindern erst kurz vor der Einschulung erstmals umfassend und flächendeckend untersucht werde, reiche nicht aus. “Dieser Zeitpunkt liegt eindeutig zu spät”, so Bohm. Vielmehr müssten alle Kleinen bereits spätestens beim Erreichen des Kindergartenalters gründlich getestet werden. Auch sollte die gezielte, von Fachkräften begleitete Sprachförderung viel stärker in den Kindergartenalltag eingebunden werden, als dies momentan der Fall sei. In den vergangenen Jahren sei die Entwicklung angesichts leerer öffentlicher Kassen allerdings eher in die entgegensetzte Richtung gegangen, klagte Bohm.
Hoffnung setzen die Experten jetzt in die Landesregierung, die eine verbesserte vorschulische Sprachförderung in Aussicht gestellt habe. Dass eine intensivere Frühförderung schnell statistisch nachweisbare Erfolge mit sich bringe, zeige das Beispiel der Stadt Bonn, so Bohm. Seit die Kindergärten dort unter ärztlicher Betreuung ein spezielles Sprachlernprogramm einsetzten, sei die Anzahl der Auffälligkeiten bei den Schuleingangsuntersuchungen merklich zurück gegangen.
SPZ-Leiter Harald Lüdicke moderierte.
Das Symposion wendete sich an ein breites Fachpublikum, wie
Ärzte/Innen, Erzieher/Innen, Lehrer/Innen, Pädagogen/Innen,
Psychologen/Innen, Therapeuten/Innen.
Programm des Symposions:
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